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Kategorie: Theaterpädagogik

Das Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal (1931 – 2009) steht in engem Bezug zu Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten, die in dieser Theaterpraxis eine Umsetzung erfährt. Es wird auch als Instrument in der Bildungs- und Friedensarbeit genauso wie als Forschungsmethode in den Sozialwissenschaften eingesetzt. Es wurzelt im Volkstheater und geht davon aus, dass jeder Mensch Theater machen kann, dass jeder Mensch im Grunde Theater ist. Nach den Anfängen in Südamerika wird das Theater der Unterdrückten mittlerweile in über 70 Ländern weltweit von Gruppen und Einzelpersonen angewandt und weiterentwickelt (vgl. www.theatreoftheoppressed.org).

 

Jana Sanskriti ist neben jener Brasilien die wohl größte Theater-der-Unterdrückten-Bewegung weltweit. Sie zählt über 1000 Mitglieder und erreicht ca. fünf Millionen Inder_innen. Die Aktivist_innen sind großteils aus ländlichen Gebieten und zu 70 % Frauen. Das Theater der Unterdrückten stellt für sie ein wichtiges politisches Werkzeug dar, schreibt Sanjoy Ganguly, der die Bewegung vor 25 Jahren initiiert hat. In ihren interaktiven Forum-Theaterstücken werden Unterdrückungsstrukturen thematisiert, wie das Kastensystem, Geschlechterverhältnisse, politische und wirtschaftliche Herrschaft.
Je nach Region und Kontext spiegelt das Theater der Unterdrückten die Situation der Marginalisierten und Freiheitsliebenden, um mittels Theater Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen und die Realität ein Stück weit zu verbessern. Das wurde auch beim von der Arge Forumtheater Österreich 2009 veranstalteten WeltForumTheaterFestival sicht- und erlebbar.

Forumtheater ist ein partizipativer Prozess, in dem das Publikum eingeladen ist, die Konfliktsituation eines Stücks, das mit einer offenen Frage endet, aus Sicht der unterdrückten Person spielend zu verändern. Die Idee des Unsichtbaren Theaters - eine weitere Methode - ist, Stücke/Situationen nicht auf einer Bühne, sondern ohne Wissen der Zuseher_innen an alltäglichen Orten (Supermarkt, Bushaltestelle, Fußgängerzone etc.) aufzuführen. Die Methode ist in den 70-er Jahren vor dem Hintergrund der herrschenden Zensur in Südamerika entstanden. Das Theater der Unterdrückten sprengt den künstlichen Rahmen des Theaters und holt die Fragestellungen in die Realität zurück, aus der sie stammen. Die Betroffenen werden zu Akteur_innen ihrer eigenen Geschichte(n).

Augusto Boal, der Begründer des Theaters der Unterdrückten wurde in Rio de Janeiro geboren. Von 1955-1971 war er Direktor des Theatro do Arena in Sao Paolo. Unter dem Eindruck der politischen und sozialen Situation in Brasilien und Südamerika entwickelte er spezifische Theatermethoden, die in der Volkskultur und in Bildungsinitiativen des Landes Verbreitung finden. In Kollektivarbeit werden Stücke geschrieben und geprobt, die sich an diejenigen richten, die in Armut leben. Die Stücke werden vor Analphabeten in Dörfern und in den Slums der Städte gespielt. Boals "Volkstheater" kennt viele Parallelen zur Volksbildungsbewegung Paolo Freires, dessen "Pädagogik der Unterdrückten" inhaltlich, methodisch und namentlich ein wichtiger Bezugspunkt für Boal ist. Einer ähnlichen geistigen Strömung ist die "Befreiungstheologie" zuzurechnen. 1971, während der Militärdiktatur in Brasilien wird Boal gefangengenommen, gefoltert und ins Exil geschickt. Da entstand zuerst in Südamerika dann in Europa, vor allem in Paris, das Theater der Unterdrückten. Die verschiedenen darin angewandten Methoden, entwickelt er in einem von der Theaterpraxis ausgehenden Prozess.

Theater wird wesentlich – wie vielfach im vorbürgerlichen Theater üblich – als Dialog und Diskurs verstanden. Entsprechend wird das Publikum aus seiner passiven Rolle befreit und eingeladen selbst zu Handelnden zu werden. Sie werden Zu-Schau-Spielerlnnen ("spect-actors"). Boal entdeckt, dass Unterdrückung in Europa andere Gesichter hat als in Südamerika. Soziale Isolation, Einsamkeit, Bürokratie sind Themen, die die Menschen in Europa beschäftigen. Wie überall findet er auch in Europa Formen von Rassismus und Sexismus. Anfang der achtziger Jahre kehrt Boal nach Brasilien zurück. 1989 verwirklicht er einen alten Traum: die Errichtung eines Zentrums des Theaters der Unterdrückten in Rio de Janeiro. 1992 kandidiert Boal zum Stadtrat und wird mit dem Vorschlag gewählt, die Probleme Rios mittels Theater zu bearbeiten und die Gesetze der Stadt auf der Straße zu diskutieren. Boal eröffnet damit ein neues Kapitel des Theaters der Unterdrückten:" O Theatro Legislativo".

In Österreich war Augusto Boal seit den siebziger Jahren regelmäßig zu Gast, um seine Theatermethoden in Form von Workshops und Vorträgen und Aufführungen weiterzugeben. Die UNESCO hat seine Theaterformen als offizielle "methods of social change" anerkannt. Boal ist Autor vieler Bücher, er schrieb Theaterstücke, Prosa und spezifische Sachbücher zu den Methoden des Theaters der Unterdrückten. 

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